Mehr als 90% der Schweizer Wälder verjüngen sich natürlich. Dieser hohe Prozentsatz könnte sich zukünftig rückläufig entwickeln, denn der Klimawandel führt zu einer Veränderung verschiedener Faktoren, welche die natürlichen Verjüngungsprozesse beeinflussen. Gleichzeitig verschieben sich die Verbreitungsgebiete der meisten Baumarten. Daher werden Pflanzungen in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen, insbesondere wenn nach grösseren Störungen die Schutzwirkungen und andere Waldleistungen stark herabgesetzt sind und in der Naturverjüngung keine geeigneten Baumarten zu erwarten sind.
Ein wichtiger Ansatz im Testpflanzungsprojekt ist der gezielte Anbau von Baumarten, die sich heute aufgrund fehlender Samenbäume oder geringer Konkurrenzkraft (noch) nicht durchsetzen können, aber in einem wärmeren und trockeneren Klima erfolgreich gedeihen könnten. Grundlage hierfür ist die Annahme, dass wir mit solchen Massnahmen die erwartete Verschiebung der Baumarten und Herkünfte, welche zum Teil schon begonnen hat, vorwegnehmen können (Assisted Migration).
Diese Zukunftsbaumarten werden im Projekt sowohl in ihrem heutigen Verbreitungsgebiet als auch dort getestet, wo das Klima sie bis zum Ende des 21. Jahrhunderts begünstigen könnte (bis zu 800 m oberhalb ihrer aktuellen Verbreitungsgrenze).
Es wird erwartet, dass die Baumarten im Zuge des Klimawandels in die Höhe wandern und so neue Gebiete erschliessen. Ein Beispiel hierfür ist die Traubeneiche, deren Hauptverbreitung aktuell in der kollinen und submontanen Stufe liegt, aber welche in der Südalpen bis auf etwa 1200 m vorkommt. Modelle prognostizieren, dass diese Baumart zukünftig auch in hochmontanen oder gar subalpinen Höhenstufen voraussichtlich gute Wuchsbedingungen vorfinden wird. In Graubünden und dem Wallis gibt es daher Versuchsflächen bis auf 1800 m ü. M. Erste Ergebnisse im Testpflanzungsprojekt weisen auf gute Überlebensraten in den höchstgelegenen Flächen wie in Samedan hin (s. Abb. 1). Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich das Überleben und Wachstum in den kommenden Jahren entwickeln wird. Derzeit gibt es in der Schweiz noch keine flächendeckenden Empfehlungen für den Anbau von Zukunftsbaumarten, welche die punktuellen Empfehlungen der TreeApp ergänzen können.
In den tieferen Lagen werden zukünftig die Hauptbaumarten wie Tanne, Fichte und Buche möglicherweise kein passendes Klima mehr vorfinden oder zumindest keines, dass sie bereits kennen. Neue und bisher seltene Baumarten könnten die Anpassungsfähigkeit der Wälder dort positiv beeinflussen. Wo möglich sollten einheimische Arten und Herkünfte Priorität haben; aber im Tiefland kommen viele davon auch an ihre Grenzen. In den Versuchsflächen werden daher zum einen Herkünfte einheimischer Baumarten aus südlichen Teilen ihres Verbreitungsgebietes und zum anderen Baumarten, wie Zerreiche oder Baumhasel, die bisher nur im wärmsten Teil der Schweiz bzw. in Südeuropa vorkommen.






